China

Morgengrauen in Kunming, Yunnan. China macht sich gesund.

Mit gespannten Gefühlen gehen wir früh morgens aus dem Haus. Wie immer nicht genau wissend, was uns in den nächsten Stunden erwartet. Eine kurze Laufrunde im nahegelegenen Park soll es werden. China hat uns schon einiges geboten.Was uns an diesen Morgen begegnet, damit haben wir allerdings nicht gerechnet. Es sollte ein weiterer Höhepunkt unserer Reise werden, ohne dass wir dabei eine einzige Touristenattraktion sehen.

China

Guilin liegt 18 Zugstunden hinter uns. Kunming, die Hauptstadt Yunnans wird unser vorübergehendes neues Zuhause. Es ist bereits ein Ritual geworden: Wir buchen für zwei, drei Nächte, um erstmal die Unterkunft, Stadt und Umgebung zu erkunden. Anschliessend entscheiden wir von Tag zu Tag, ob wir weiter ziehen oder wie bisher meistens, einfach bleiben. So auch in Kunming. Eine Stadt, welche ganz ohne Glanz und touristische Attraktionen auskommt.

Ausgenommen selbstverständlich der weltbekannte Steinwald. Gerne kann dieser besucht werden. Bitte hinten an den Massen anschliessen und die Natur über die frisch betonierten Strassen begehen. Das Naturspektakel wird durch Leuchtreklamen und Souvenierstände unterstützt.

Das klingt so gar nicht nach dem, wie wir uns unseren Aufenthalt hier vorstellen.

Das Frühlingsfest in Luoping ist leider vorbei und in Reisterrassen haben wir die letzte Woche verbracht, so entfällt ebenfalls der Weg nach Yuanyang.

Wir wagen einen genaueren Blick. Nach wenigen Stunden planlosem Umherirren in der Stadt wird klar, Kunming hat nichts zu bieten ausser 28° strahlendes Wetter, ein leichtes Lüftchen und sonst nichts. Perfekt für uns, um etwas Sonne und Wärme zu tanken, bevor wir aufbrechen Richtung Tibetanischer Grenze. Wir bleiben in Kunming.

Wie bisher in all unseren Unterkünften sehen wir massenhaft Hochgeschwindigkeitstraveller ein- und aushecken. Die meisten übernachten einen Tag: „Shanghai nach Kunming geflogen, wollen den Steinwald sehen, fliegen morgen nach Peking“ oder „sind von Guilin mit dem Zug nach Kunming, morgen geht es weiter nach Chengdu“. Ob sie China kennen lernen… Wir denken, weniger ist mehr. Selbstverständlich haben wir zusätzlich das Privileg, nicht an die Zeit gebunden zu sein. Wir lassen es also gemächlich angehen, schauen uns die Stadt an, beobachten die Leute bei der Arbeit oder gehen zum Friseur (aber das ist eine andere Geschichte).

Eine von Kunmings selbst ernannten Attraktionen ist der Green Lake Park

Kunming Yunnan China Park

Glücklicherweise liegt der Park direkt neben unserem Hostel und so entschieden wir, diesen genauer unter die Lupe zu nehmen. Genauer heisst, um 6 Uhr die Jogging Schuhe anzuschnallen und es den sportlichen Chinesen gleich zu tun.

Draussen ist es still. Die Strassen noch leer und die Dämmerung setzt langsam ein. Vorläufig versteckt sich die Sonne noch hinter den Bauten, in welchen Einheimischen sicherlich eifrig Nudeln schlürfen. Wir schlendern verschlafen zum Park und werden bereits von zahlreichen Läufern überholt. Nein falsch, wir überholen die Läufer, selbst noch gehend. Dabei wichtig zu wissen, dass in China jegliche Bewegung als Sport interpretiert werden darf, speziell wenn dabei Sportbekleidung getragen wird. Andererseits gibt es Jogger in Arbeitsbekleidung, also Bundfaltenhose, Hemd und Schlüsselanhänger am Gurt baumelnd.

Also nochmals: Sport = Kein Sport machen, aber kurze Hose und Turnschuhe ODER keine Sportbekleidung, aber Aktiv. Zudem gilt jegliche Kombination davon als Sport.

Von Kampfsportlern und Opernsängern

Kunming Green Lake Park

Unten gibt’s noch mehr Athleten:
Klick auf Bild macht gross.

Junge Männer üben sich im Klimmzugwettkampf – bei jedem Zug ist zu hoffen, dass der Ast des Baumes nicht bricht. Ein Höhepunkt jagt den nächsten. Zahlreiche Sportler üben sich im Rückwärtsgehen. Ja, rückwärts gehen. Einige Damen dehnen ihre Beine so ruckartig, ich erwarte jede Sekunde ein lautes „Ratsch“  des reissenden Muskels zu hören. Rechts ein älter Herr, welcher mit kleinen Bewegungen der Fingerspitzen seine Glatze streichelt und dabei ein leichtes Summen von sich gibt. Ältere Frauen massieren sich am Rand des Sees selbst den Rücken an herumstehenden Bäumen, schwerlich das Agieren nicht mit den Urinstinkten von Affen zu vergleichen.

Kunming Park

Ein bisschen Mitgefühl kommt auf, beim Beobachten des Herrn in grüner Sportbekleidung. Hochkonzentriert, mit zwei Federbällen und einem Schläger bewaffnet, übt er sich im Einzel. Mit Einzel ist gemeint, alleine. Also alleine den Federball so oft und hoch in die Luft schlagen, wie möglich. Sein Rekord liegt bei zwei, als wir vorbeirennen. Die Frauen ein wenige Schritte weiter machen es besser, sie spielen miteinander. Ich schätze sie als grosse Fans von Monica Seles ein. Apropos lautes Gestöhne. Es scheint sich ebenfalls um Sport zu handeln, so laut wie möglich zu schreien. Dies taten mehrere Männer, im fünf Minuten Takt, während unserer kompletten Jogging Runde. Wirkung unbekannt. Ein weiterer enthusiastischer junger Mann bekommt unsere ungeteilte Aufmerksamkeit. Mit voller Wucht und ganzer Kraft wippt er sich regelmässig ins Hohlkreuz. Ein knacken ist nicht zu vernehmen.

Die Sonne geht auf. Aktive Sportler werden noch zahlreicher. Wir kommen aus dem Staunen nicht raus. Irgendwie haben wir es anders gelernt.

„Stell dir Ändä und Alex vor, sie würden allen erklären, was sie falsch machen“. Wer die beiden nicht kennt (oder richtig Trainieren will), guckst du bei Zryd & Reinhard rein.

Gemütlich schlendern wir zurück in unsere Unterkunft, begleitet vom letzten Sportler, den wir an diesem Morgen sehen. Er geht wenige Schritte mit uns, rückwärts.

4 Kommentare

  1. Sandra Zryd

    Ich finde China „dr Hammer“, war mir irgendwie bis jetzt gar nicht bewusst. Fotos und Bericht: toll. Ich will auch so Sport machen, das ist lustig… Liebe Grüsse und – warte schon auf nächsten Beitrag ;)

  2. Barbara Planzer

    Andere Länder, andere Sitten – und die einen oder anderen scheinen ziemlich merkwürdig bis amüsant zu sein, besonders in China… :D Gibts auch einen Bericht über den Besuch beim Friseur??? Nach unserer Erfahrung auch jedes Mal ein Erlebnis der besonderen Art im Ausland. Liebe Grüsse, freue mich wieder von euch zu lesen und zu sehen!

    • :) Merci für den netten Kommentar. Naja, zum Friseur… würde wohl ein Vorher/Nachher Foto mehr aussagen. Ich erinnere Fränzi nächstes Mal dran, eins zu machen.

      Fränzi hat allerdings den Mut noch nicht aufgebracht, ihre Haare anfassen zu lassen.

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