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„Burn-Out kriegt hier keiner.“, eine Reiseleiterin auf den Malediven offenbart Einblicke in Leben & Arbeit im Paradies.

Nadin - Reethi Beach - Malediven Steg

Nadin - Reethi Beach - Malediven Portrat NadinSie heisst Nadin, ist 26 Jahre jung und arbeitet im Paradies. Nadin, ursprünglich aus dem aargauischen Seetal, nennt Heute Reethi Beach „im Baat-Atoll“, Malediven, ihr Zuhause.

Nadin lebt den Traum, den so viele von uns träumen, aber nicht wagen zu leben. Sie arbeitet dort, wo viele Ferien machen. Wir sind sehr dankbar, hat sie sich bereit erklärt, sich unseren Fragen zu stellen!

Welche Ausgangslage hat dich in diese Position gebracht?

Nach der Ausbildung als kaufmännische Angestellte, habe ich die Berufsmatura angehängt. Anschliessend war ich als Receptionistin in einem Hotel in Davos tätig. Dies öffnete mir die Augen für den Tourismus, was zum Studium an der Höheren Fachschule für Tourismus Graubünden in Samedan führte und dem Bachelor in Science of Tourism an der HTW in Chur.

Aktuell arbeite ich als Reiseleitung & Tour Guide für Manta Reisen und Kuoni Schweiz auf den Malediven.

Wie kam es zum Sprung von HTW Chur in den Sand der Malediven?

Nadin - Reethi Beach - Malediven Anflug

Mir war früh klar, dass ich im Ausland arbeiten möchte. Das Tourismus-Studium habe ich mit dem Gedanken absolviert, Reisen mit Arbeit zu verbinden. Während der Bachelor-Arbeit habe ich mich bei Kuoni Schweiz für eine Stelle auf Zypern beworben. Auf meine Nachfrage hin wurde mir mitgeteilt, dass die Stelle vergeben ist, hingegen wäre auf den Malediven eine Stelle zu besetzen.

So führte eins zum anderen und einen Monat später stand ich mit Sack und Pack in Male’ am Flughafen.

Weisst du schon, wie lange du bleiben wirst?

Ich bin seit August 2014 hier und werde sicherlich noch ein Jahr bleiben. Ursprünglich wollte ich bis Ende 2015 bleiben, bis mir klar wurde, dass in der Schweiz der kalte Winter wartet. ; ) Das würde mir das Einleben sicherlich erschweren.

Wie sieht dein Arbeitsalltag auf den Malediven aus?Nadin - Reethi Beach - Malediven von oben

Der klassische Arbeitstag gibt es nicht. Wenn die Edelweiss am Sonntag ankommt, heisst es meist „früh“ raus. Um 6 Uhr gehen die ersten Gäste von der Insel. Ich verabschiede alle persönlich und schaue, dass nichts vergessen wurde.

Um den Mittag kommen neue Gäste. Sie werden durch mich begrüsst, eingecheckt, ich erkläre ihnen alles Wichtige und bringe sie aufs Zimmer. An Tagen, an welchen wir keine neuen Gäste erwarten, bin ich dennoch präsent, um hie und da Hilfe zu bieten oder nur um ein Schwätzchen zu halten.

Da es mehr Inseln als Reiseleitungen gibt, mache ich auch telefonische Betreuung von anderen Inseln. Das heisst, ich rufe die Gäste an und frage, ob alles in Ordnung ist. Dies muss schriftlich festgehalten werden. Dazu kommt, dass ich Samstags die neuen Listen mit den Ankünften und Abreisen mit den Resorts kontrolliere. So können wir sicherstellen, dass alle Buchungen korrekt sind und jeder Gast ein Zimmer hat.

Was gefällt dir an deiner Arbeit im Paradies speziell gut?

Nadin - Reethi Beach - Malediven Delfin

Was mich daran erinnert, warum ich gerne den Kontakt zu Menschen habe, ist das Strahlen auf den Gesichtern der Gäste, wenn sie wirklich im Paradies angekommen sind, wenn sie die Ferien geniessen können und aus dem Alltagstrott rausfallen.

Alles ist ruhig und gelassen, das gefällt mir speziell gut.

Meist kann man die Veränderung sehr gut sehen, was mir wiederum die Bestätigung gibt, dass ich dazu beitrage, den Gästen unvergessliche Ferien zu bescheren.

Es gibt doch bestimmt auch Negatives zu berichten?

Manchmal ist es schwierig, seine Ruhe zu finden oder abzuschalten. Wir vom Team leben auf kleinem Raum und es gibt logischerweise manchmal Unstimmigkeiten. Zu Hause habe ich einen Ort wo ich mich zurückziehe. Hier ist das schwieriger, weil immer jemand in der Nähe ist.

Arbeiten im Paradies klingt so fern von dem, was wir uns gewohnt sind. Wo liegen die grössten Unteschiede zur Arbeit in der Schweiz?

Der grösste Unterschied ist das Arbeitstempo. Alles wird gelassener genommen und es gibt keine Hektik. Für mich war es anfangs schwierig, mich dem anzupassen. Heute bin ich soweit, dass ich Dinge gelassener sehe.

Ein Burn-Out kriegt hier sicher keiner.

Was extrem auffällt, hier trägt praktisch niemand eine Uhr. Du schaust somit nicht ständig auf die Uhr und setzt dich damit unter Druck. Als Uhrenliebhaberin habe ich meine Uhr auch im Zimmer gelassen und schnell festgestellt, ohne Uhr läuft die Zeit gleich rasch und trotzdem findet nicht alles pünktlich statt.

Was sagst du dazu: „Das Arbeitsklima ist anders, aber Arbeit bleibt Arbeit, egal ob Strand oder im Büro?“

Nadin - Reethi Beach - Malediven Strand

Ich werde regelmässig darauf angesprochen, dass ich schon ein tolles Büro habe, wenn ich beim Restaurant am Tisch sitze und arbeite, den Blick aufs Meer inklusive.

Klar ist es schön, das ganze Jahr draussen zu sein und das Büro im Freien aufzubauen. Sicherlich geniesse ich während dem Arbeiten den Sand zwischen den Füssen, Gäste sehen allerdings Arbeit ohne Schuhe nicht wirklich als Arbeit an. Es passt für sie nicht in die europäischen Vorstellung von Arbeitsplatz hinein. Ich bin dennoch als Arbeitnehmer hier und habe meine täglichen Aufgaben, die erledigt werden müssen.

Irgendwann geht es wieder zurück. Fürchtest du dich vor dem Wiedereinstieg?

Ich weiss es nicht. Was ich weiss ist, es wird sicher nicht einfach. Hier ist alles langsamer und gelassener, aber auch das Durchstrukturierte in der Schweiz kann seinen Reiz haben.

Mit dem Sprung ins Ausland gibst du einiges auf: Familie, Freunde, Wohnung, Sicherheit?

Nadin - Reethi Beach - Malediven Sonnenuntergang

Gerade als Schweizerin weiss ich, ich kann immer zurück in die Schweiz, wo Familie und Freunde warten. Ich würde wieder eine Anstellung finden, da ich eine vielfältige Ausbildung genoss. Das gibt mir genügend Sicherheit, jetzt die Welt zu erkunden.

Selbstverständlich fehlen Familie und Freunde, aber es ist schön, neue Sachen ohne die gewohnte Umgebung zu erleben und neue Leute kennen zu lernen. Wir sitzen hier auf demselben Boot (oder derselben Insel), das schweisst zusammen.

Zudem mit Skype und Whats App spielen Raum und vor allem Zeit keine grosse Rolle mehr.

Wie steht es um den Administrativen Aufwand? Wie gross war die Hürde mit Versicherung, Steuern, AHV etc.?

Es gibt in der Situation zwei Möglichkeiten. Entweder du meldest dich als Einwohner in der Schweiz ab. Dann gilt es, alle Verträge aufzulösen und die Behörden, Versicherungen etc. zu benachrichtigen. Wenn man sich in der Schweiz abmeldet, hat man keinen Anspruch mehr auf eine Versicherung in der Schweiz. Dafür gibt es diese Unternehmungen, welche weltweite Reiserversicherungen anbieten.

Wenn du dich nicht abmeldest, gilt zu regeln, wer die Post verwaltet. Vollmachten helfen zum Beispiel für Bankkonten. Mit der bestehenden Versicherung schaust du für eine weltweite Abdeckung. So geht nichts schief. Du zahlst zudem weiterhin normal Steuern, wenn du angemeldet bleibst, da helfen Treuhänder oder die Famlie.

Ich habe einen Schweizer Arbeitsvertrag und somit bin ich in der Schweiz angestellt. Damit werden AHV- und PK-Beiträge abgezogen und einbezahlt. Auf jeden Fall solltest du dir zu Beginn eine Liste machen, welche öffentlichen Stellen zu Berücksichtigen sind und ziemlich schnell entscheiden, ob du dich abmeldest oder nicht.

Die Hürden sind überschaubar. Was rätst wenn ich ebenfalls im Paradies arbeiten möchte?

Sei dir bewusst, wo du bist, wie wenig Platz du hast und wie eingeschränkt du sein wirst, im Vergleich zur Schweiz. Du kannst nicht kurz in die Stadt fahren oder Freunde besuchen, auf jeden Fall nicht in den Malediven. Frage dich:

  • Kann ich auf so engem Raum, mit mir anfangs völlig Fremden, leben?
  • Kann ich auf Komfort, der für mich selbstverständlich ist, verzichten?
  • Kann ich mich anpassen?
  • Komme ich damit klar, das viel Geredet wird und es praktisch kein Privatleben gibt?

Erst wenn du hier bist weisst du, was du zu Hause hast. Du lernst hingegen, wie wenig nötig ist zum Leben.

Du hast Gelassenheit angesprochen. Gibt es mehr, das wir in der Schweiz von den Malediver lernen können?

Nadin - Reethi Beach - Malediven - Strand

Vieles. Wie die Malediver von uns lernen könnten.

Das Wertvollste, was wir von den Maledivern lernen können: Die Arbeit wartet auch morgen auf uns, Familie oder Freunde vielleicht nicht.

Hier wird viel Wert auf Familie und Zusammensein gelegt. Ob das neue Bungalow heute oder morgen fertig ist, spielt keine Rolle. Es wird irgendwann fertig sein. Wir sollten uns in der Schweiz erinnern, dass das Leben nicht nur aus Arbeit besteht, dass es ein morgen gibt.

Ich habe gesehen, und bin stets erstaunt, dass es schlussendlich funktioniert, auch wenn nicht alles durchgeplant und on-time ist. Jedes Fest war ein Erfolg, jeder Gast ist angekommen, jede Arbeit war irgendwann erledigt. Ich warte zum Beispiel seit mehr als drei Monaten auf ein kleines schmales Regal. Mittlerweile habe ich aufgehört mich aufzuregen, dass es noch nicht da ist. Es wird dennoch nicht schneller fertig, da die Anderen weiterhin in ihrem Tempo arbeiten.

Abschliessend, du hast bestimmt viele Erfahrungen für dein Leben gesammelt. Nennst du uns eine?

Das Leben ist auch ohne viel Materielles aufregend und spannend.

Unfassbare Reisegeschichten

Wir sind riesige Anhänger von Interviews. Wie auf Reisen lernen wir gerne Leute kennen und hören gebannt ihren Erlebnissen zu. Hast du auch eine solche Geschichte zu erzählen? Melde dich bei uns für ein Interview, wir würden uns riesig freuen!

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6 Kommentare

  1. Huhu! :)
    Super Beitrag!
    Es ist echt spannend mal zu lesen bzw. sehen was es alles an verschiedene Möglichkeiten gibt um ins Ausland zu gehen.
    Ich wünsche mir, das mein Traum auch später mal in Erfüllung geht!
    LG
    Timo :)

    • Ciao Timo

      Das hoffe ich sehr, dass deine Träume in Erfüllung gehen.
      Einfach dran bleiben ; )

      Vielen Dank für deinen Besuch, das Kompliment, den Kommentar und einen fantastischen Tag wünsche ich dir.
      Simon

  2. Ein absolut interessantes Interview! Es ist schön, mal nicht aus der Sicht von Urlaubern von den Malediven zu lesen, sondern von jemandem, der dort arbeitet! Am besten gefallen hat mir der Abschnitt, was wir von den Maledivern lernen können. Das erinnert mich daran, dass Reisen immer wieder den Horizont erweitert. Mit jeder Reise lernt man neue Kulturen kennen und blickt ein bisschen weiter über den Tellerrand und die eigenen Gewohnheiten hinaus. Lieben Gruß, Katrin von ilovetravelling

    • Liebe Katrin

      Vielen Dank für deinen Besuch und den netten Kommentar, das freut mich riesig : )

      Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.
      Liebe Grüsse,
      Simon

  3. Ich war auch auf Reethi Beach! Das wahrscheinlich entspannteste Jahr meines Lebens =D Vor und nach der Arbeit am Strand oder unter Wasser… barfuss „arbeiten“…es war eine tolle Zeit, wobei ich sagen muss, dass ich es wieder zu schaetzen weiss in ein Auto zu steigen und irgendwo hinzufahren oder einen Supermarkt, Kinos etc in der Gegend zu haben… mich hat es nach den Malediven nach Dubai verschlagen… ein „ganz kleiner“ Unterschied =D

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