Interviews

„Reanimation und Leichen bedecken gehörten zum Alltag.“ Im Gespräch mit Juan aus Juárez, der ehemals tödlichsten Stadt der Welt.

Juan Nahaufnahme - Ciudad Juárez Mexiko

Kurz vor Sonnenuntergang sitzen wir am Tisch von Juan. Juan ist 60 Jahre alt, trägt einen von der Sonnen geplagten Hut und unter dem dichten Bart schimmern von Zeit zu Zeit seine komplett mit Silber überzogenen Zähne.

Juan geniesst seit seinem Herzinfarkt vor drei Jahren sein Leben. Er macht jährlich sechs Monate Urlaub bei seinem Sohn in Zipolite, welcher ein tolles Restaurant und eine kleine Unterkunft sein Eigen nennt. Sein Sohn hat er mit 18 von zu Hause fort geschickt. Er hatte zu viel Angst um ihn in Juárez.

Die vielen Morde sind schuld an meinem Herzinfarkt.

Juan hat in seinem Leben hart gearbeitet, viel erlebt und noch mehr gesehen. Sein Traum war es, mit dem Motorrad durch Europa zu fahren. Das sei jetzt zu spät.

Früher war alles in Ordnung, die Drogen flossen in grossem Masse.

Seit Juan weiss, dass er ohne Überfall die 36 Stunden von Ciudad Juárez nach Zipolite fahren kann, hält er sein Land für ziemlich sicher. Daher fährt er jetzt auch gerne durch Mexiko.

Man hört viel schlimmes über Juárez. Wie ist es wirklich?

„Es gibt drei Geschichten von Juárez. Eine dauert bis 2006. Die zweite bis 2012 und die letzte beginnt vor etwas mehr als einem Jahr.“

Früher war alles in Ordnung in Juárez. Die Drogen flossen in grossem Masse über die Grenze nach Texas und Rolls-Royces mit vergoldeten Stossstangen zeigten uns, wer die Bad Guys sind. Wenn du sich von diesen fern hielt, konntest du ein einigermassen ruhiges Leben führen.

Trotzdem ist bereits damals für Juan klar, dass er seine vier Kinder, sobald diese erwachsen sind, von Juárez weg schickt. Die Stadt ist einfach zu gefährlich.

2006 wird Felipe Calderón zum Präsident von Mexiko gewählt. Calderón erklärt den Drogenkartellen den Krieg und startet damit das Unheil für Juárez. Er entsandt mehrere Tausend Sicherheitskräfte und Militärleute, rechnet indes nicht mit der Macht und Reichtum der Drogenkartelle.

Ich sah jeden Tag Tote auf der Strasse liegen. Reanimation und Leichen mit Tüchern bedecken gehörte zu unserem Alltag.

Der Drogenkrieg eskaliert. Bei einer Einwohnerzahl in Juárez von 1.3 Millionen werden während Calderóns Amtszeit täglich durchschnittlich sieben Menschen kaltblütig ermordet. Polizei und Militär müssen machtlos zusehen.

„Mein Arzt sagt, ich konnte die vielen Toten nicht ertragen, daher der Herzinfarkt. Er meint, ich sei deswegen nicht mehr ganz richtig im Kopf“, murmelt Juan lächelnd.

Seit 2012 und des Beginns der Amtszeit vom neuen Präsidenten Enrique Peña Nieto, hat sich die Lage gebessert.

Der Präsident hat einen Deal mit den Drogenkartellen.

Der neue Präsident hat dem Drogenkrieg ein Ende gesetzt. Mittlerweile wird es wieder ruhiger in Ciudad Juárez. Es kann bloss einen Grund dafür geben, meint Juan. „Der neue Präsident macht das einzig Richtige, er lässt die Kartelle Drogen schmuggeln und dafür lassen sie die Bevölkerung in Ruhe.“

Juan ist froh, geht der neue Präsident den Deal ein. „Die Drogenkartelle haben viel zu viel Macht und Geld. Niemand kommt gegen diese an. Am besten, man lässt sie einfach machen.“

Von Felipe Calderón hält Juan nichts. „Er ist schuld, dass so viele Menschen ermordet wurden. Er sollte dafür vor Gericht gestellt werden.“

Lies dazu:
Unser Interview mit dem Strandverkäufer von Mexiko, er erklärt dir, worauf es im Leben wirklich ankommt.

Juan, der seit seinem Herzinfarkt auf der rechten Seite gelähmt ist, gibt uns die linke Hand zum Abschied. Seine silbernen Zähne sind zu sehen. Er lacht darüber, dass Juárez über vier Brücken mit El Paso, Texas, verbunden ist, die sicherste Stadt in den USA.

Die Drogenbosse leben alle in El Paso. Dort ist es sicher, sie halten sich still und es gibt kaum Polizei.

Jetzt bist du dran! Was würdest du tun, wenn du Präsident von Mexiko wärst? Die Kartelle bekämpfen oder dich mit ihnen befreunden? Gib gleich deinen Kommentar ab.

Du hast noch nicht genug? Ich kann dir die Dokumentation unten sehr ans Herz legen. Sie handelt von einem Auftragskiller, welcher von seinen 20 Jahren in den Fängen des Kartells erzählt.

Und wenn du noch mehr Zeit hast, hier gehts zu einer Gang, „das hast du noch nicht gesehen“.

9 Kommentare

  1. Sandra

    Absolut KRASS!!! Bin erschüttert.

  2. Damn. This is sick. real sick.

  3. Ich war erst vor drei Wochen in Ciudad Juarez und habe mich dort mit den Menschen unterhalten, auch über die Frauenmorde, die sehr häufig und immer noch vorkommen. Ich habe darüber in meinem Blog berichtet.
    http://sl4lifestyle.wordpress.com/2014/05/28/ciudad-juarez-all-those-women-missing/
    Noch ein schönes Rest-WE!
    Sabine

  4. Pinkback: Glücklich leben. Die Sicht eines Strandverkäufers (Interview).

  5. Ich sag’s ganz ehrlich: Ich möchte den Job nicht haben. Es ist wie Don Qujote gegen Windmühlen kämpfen. Da stellt sich wieder die Frage, ob es besser ist, das Übel an der Wurzel auszureißen oder vielleicht dafür zu sorgen, dass es keine Grundlage mehr hat. Das eine ist wohl so aussichtslos wie das andere. :/

    • Hallo Jutta

      Ich könnte mich glaub ich auch nicht entscheiden. Sich gegen die Kartelle zu stellen ist sicher mutig, aber vermutlich tatsächlich aussichtslos.

      Aber deswegen sich mit „dem Teufel“ verbünden.

      Ist schwer zu sagen hier aus der sicheren Schweiz.

      Liebe Grüsse,
      Simon

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